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Recurring Revenues in der Chemie: Der Weg vom digitalen Piloten zum Profit-Pool

Die Zeiten stabiler Renditen sind für viele Chemieunternehmen vorbei: Umsätze stagnieren, Margen sinken, Standorte stehen zur Disposition. Produktqualitäten gleichen sich an, die Differenzierung über physische Eigenschaften wird schwieriger – und Kunden erwarten längst keine reinen Stoffe mehr, sondern integrierte Lösungen mit messbarem wirtschaftlichem Mehrwert. Viele Unternehmen antworten mit digitalen Angeboten. Technologisch überzeugend, kommerziell aber oft enttäuschend – und der Grund dafür ist fast nie die Technik, sondern das Pricing.

Hybride Produkte: Differenzierung jenseits der Tonne

Nachhaltige Wettbewerbsvorteile entstehen, wo Material, Software und Service zu integrierten Lösungen verschmelzen: Das Produkt ist dann nicht mehr nur das Additiv, das Polymer oder der Lack, sondern die Kombination aus Werkstoff, digitaler Anwendungsempfehlung, Prozessdatenanalyse und begleitendem Service. Die Schlüsselfrage für das Pricing lautet: Ist die digitale Anwendung ein optionales Add-on, ein Differenzierungsmerkmal – oder der eigentliche Werttreiber, etwa durch datenbasierte Senkung von Ausschussquoten oder Energieverbräuchen? Von dieser Rolle hängen Preislogik, Bundling und Vertriebsargumentation ab.

In der Praxis starten viele digitale Angebote als Pilotlösung oder werden am Markt vorbei entwickelt. Noch häufiger werden digitale Funktionen kostenlos „mitgeliefert“ oder unsichtbar im Produktpreis versteckt. Das senkt zwar kurzfristig Eintrittshürden, verhindert aber den Aufbau profitabler, wiederkehrender Erlösströme – dabei sind digitale Leistungen mit ihren geringen Grenzkosten geradezu prädestiniert für Recurring Revenues. Besonders attraktiv sind hybride Erlösarchitekturen aus drei Bausteinen:

  • Einmalige Implementierungs- oder Integrationsgebühr
  • Laufende Plattform- oder Lizenzgebühr
  • Variable, nutzungsabhängige Komponente

Voraussetzung: Das Erlösmodell wird von Anfang an mitkonzipiert – nicht nachträglich übergestülpt.

Nutzen statt Kosten als Preisanker: So gelingt die Wertargumentation

Der Kern der Monetarisierung liegt im quantifizierbaren Mehrwert. Die Economic-Value-Added-Logik liefert dafür das Gerüst: Ausgehend von der Next-Best-Alternative des Kunden werden konkrete Effekte beziffert – Kosteneinsparungen, Effizienzgewinne, Risikoreduktion oder Umsatzpotenziale. In der Chemie sind das etwa geringere Rohstoffverbräuche, weniger Ausschuss, reduzierte Energie- und Wartungskosten oder höhere Anlagenverfügbarkeit.

Nennenswerter Mehrwert entsteht nur dort, wo das digitale Produkt ein aus Kundensicht kritisches und ausreichend häufiges Problem löst.

Erst wenn der Nettomehrwert transparent ist, lässt sich festlegen, welcher Anteil davon als Preis realisiert werden kann. Zahlungsbereitschaftsanalysen helfen zusätzlich, eine marktfähige Preisspanne zu bestimmen.

Standardisieren statt individualisieren: Der Weg zum skalierbaren Portfolio

Ohne klare Paketstruktur entstehen individuelle Sonderlösungen mit uneinheitlichen Preisen – Gift für Skalierung, internationale Rollouts und den Vertrieb über Partner. Erfolgreiche Anbieter übersetzen ihre hybride Architektur deshalb in klare Leistungsstufen: Basic mit Monitoring und Grundfunktionen, Advanced mit Analyse-Features und höheren Servicelevels, Premium mit Predictive Maintenance oder spezifischen Optimierungen. Die Paketstruktur macht das Angebot verkaufbar, abrechenbar und organisatorisch beherrschbar.

Vertrieb, Systeme und Support: Wo die Umsetzung entscheidet

Die größte Hürde liegt meist im Vertrieb: Klassische Chemieverkäufer beherrschen das Geschäft mit physischen Produkten exzellent – digitale Lösungen verlangen jedoch Value Selling: wirtschaftliche Effekte quantifizieren, Business Cases diskutieren, Mehrwerte strukturiert präsentieren. Erfolgreiche Organisationen investieren in Trainings, ROI-Rechner, klare Leitfäden zur Nutzenmetrik und Vergütungssysteme für wiederkehrende Umsätze. Der Paradigmenwechsel: weg vom Preis pro Tonne, hin zum Preis für messbaren Nutzen.

Häufig scheitert die Monetarisierung zudem nicht am Konzept, sondern an Strukturen und Systemen. Es braucht eine klare Definition der gewollten Subskriptionsmodelle – Laufzeiten, Verlängerungsmechanismen, Upgrade-Pfade – und deren technische Abbildung im ERP: Pay-per-Use erfordert saubere Nutzungsmessung, Subscriptions brauchen Vertrags- und Laufzeitlogiken. Auch die Fakturierung wiederkehrender, variabler und hybrider Bestandteile überfordert bestehende Systeme oft; fehlende Transparenz über Einmal-, Abo- und Servicekomponenten kostet Kundenakzeptanz. Und der Go-to-Market ändert sich: Digitale Modelle ermöglichen Self-Selection, Self-Upgrade und Direktfakturierung – die Vertriebsstruktur muss dazu passen. Nicht zuletzt lässt sich auch der Customer Support gezielt monetarisieren, etwa über gestaffelte Service Levels mit definierten Reaktionszeiten.

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Autor

Partner

Steffen Kampmann ist Partner bei Prof. Roll & Pastuch und leitet die Bereiche Chemie, Kunststoffe und Rohstoffe. Er ist seit über 14 Jahren als Berater im internationalen Umfeld für multinationale Konzerne und mittelständische Unternehmen tätig. Herr Kampmann bringt umfangreiche Erfahrung aus einer Vielzahl an Strategie-, Pricing- und Vertriebsprojekten mit. Er publiziert außerdem Fachartikel und tritt regelmäßig als Moderator und Vortragsredner rund um die Themen Strategie, Pricing und Vertrieb auf.

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